Eine ungewöhnliche Reise

 

Mit Leon (80cm groß, blond und eine Demopuppe für Kindermassage) auf dem Arm mache ich mich um ca. 17.00 Uhr auf den Heimweg in die Nähe von Karlsruhe. Kaum haben wir das Gemeindezentrum der Luthergemeinde Bernsdorf in Chemnitz verlassen, ziehen wir alle Blicke der Passanten auf uns. Bis zur Straßenbahnhaltestelle, die ca. 3 Minuten entfernt war wurden wir 2 Mal angesprochen:

„Ach, ist das ein süßer Knopf!“ Als die Leute aber bemerkten, dass Leon eine Puppe ist und gar nicht reagierte, stand ihnen die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Sie fragten unsicher, wozu ich denn mit so einer großen Puppe im Arm durch die Stadt laufe.

PENG! Und schon entwickelte sich ein Gespräch und ich erzählte kurz von der dgbm.

Leicht belustigt kamen wir dann an der Haltestelle an und wurden sofort von drei Frauen angesprochen, die uns in ein Gespräch verwickelten. Sie dachten im ersten Augenblick, dass Leon ein echtes Kind wäre. Die Wartezeit ging ruck zuck um und die Bahn kam. Ein junger Mann, der mich sah, bot mir seinen Platz an, was er aber bestimmt im nächsten Augenblick zu bereuen schien, als ihm auffiel, dass ich eine Puppe und kein Kind bei mir hatte. Ich musste mich beherrschen nicht laut loszulachen, deshalb schaute ich belustigt in die Runde und entdeckte, dass die Blicke der meisten Fahrgäste an uns hingen. Da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten, vergrub Leons Kopf unter meinem Arm und sagte laut: „Er ist halt etwas schüchtern, wenn so viele Menschen ihn anschauen!“ Ich hatte die Lacher auf meiner Seite und so fuhren wir gemütlich ins Zentrum von Chemnitz, um noch einen kleinen Stadtbummel zu wagen.

Immer wieder drehten sich die Leute nach uns um, lächelten, tuschelten oder schüttelten den Kopf. Was für ein Spaß!

Plötzlich kam eine ältere Dame auf uns zu und sagte am vorbeilaufen: „Junge Frau, lassen Sie Ihr Sprössling doch selber laufen, er ist doch kein Baby mehr, Sie machen sich ja den Rücken kaputt“. Im ersten Moment schaute ich die Dame wohl etwas irritiert an, dann bedankte ich mich höflich für den Rat und ging schmunzelnd weiter.

Am Bahnhof angekommen mussten wir noch 1 Stunde auf Gleis 14 warten, bis endlich der Zug kommen sollte. Leon habe ich neben mich auf eine Bank gesetzt. Zwei Mitarbeiter der Deutschen Bahn gingen an uns vorbei und ich konnte hören, wie der eine zum anderen sagte: „Oh, schau mal, so eine goldige, große Puppe wünscht sich meine Tochter schon lange“. Sie lächelten uns an und gingen weiter.

Als wir da so gelangweilt auf der Bank saßen, gesellte sich einige Meter weiter eine 9-köpfige Familie dazu. Ich habe später dann erfahren, dass sie Afrikaner waren. Sie hatten ihre Trommeln, Gitarren und Rasseln dabei und sangen fröhlich vor sich hin. Ich konnte hören, wie sie sich über Leon unterhielten. Sie rätselten, ob es ein Junge oder Mädchen sei und wie alt sie ihn schätzen würden. Da ihnen aber nach einigen Minuten aufgefallen ist, dass sich Leon ja nicht bewegt, sondern nur so stumm da sitzt, fingen alle laut an zu lachen und riefen mich zu ihnen herüber. Ich erzählte ihnen, dass ich auf der Ausbildung der Kursleiter für Kindermassage war und Leon eine Demonstrationspuppe sei. Die komplette Familie war so begeistert, dass ich viele Fragen beantworten musste. Die Kinder beschäftigten sich mit Leon. Da wir noch so viel Zeit hatten schenkte ich dem jüngsten Familienmitglied (5 Jahre, von allen „Lu“ genannt) eine kleine Handmassage. Als Dank hat mir die gesamte Familie ein Lied vorgesungen und ich habe mich gefreut.

Dann verabschiedeten wir uns, der kleinste umarmte mich und ich stieg mit Leon in den Zug ein. Als ich nach einem freien Platz suchte ging ich mit Leon auf dem Arm an einem Paar vorbei, da sprach mich die Frau an: „Na? Wo reisen Sie beide denn hin?“ Sie lächelte und sagte, dass Leon eine sehr schöne Puppe sei.

Als wir unsere Plätze gefunden hatten, kam auch schon der Schaffner: ein kurzer Blick zu Leon, ein breites Grinsen und dann stempelte er die Fahrkarte ab. Er deutet auf Leon und fragte schmunzelnd: „wie alt ist er denn?“ Ich sagte 3 Jahre. Der Schaffner nickte und antwortete: „na, dann braucht er ja noch keine Fahrkarte, er fährt umsonst mit“! Dann ging er weiter. Ich entspannte mich und war froh, dass ich im richtigen Zug saß. (Das war auf dem Hinweg leider nicht der Fall)J.

 Neben mir und Leon saß eine Frau. Als sie dann 2 Stationen weiter ausstieg strich sie Leon über den Kopf und sagte zu ihm: „Na dann wünsche ich Dir und Deiner Mama noch eine schöne Reise und sei brav“! Dann stieg sie aus.

In Gera Hbf stiegen zwei Männer ein, Bierflaschen in der Hand und völlig tätowiert. Sie setzten sich auf die gegenüberliegende Seite, dass sie uns gut beobachten konnten. Nach einigen Augenblicken schaute der eine zu uns herüber und sagte laut in einem entsetzten Ton: „ich glaub ich träume, wer oder was ist denn das um Himmels Willen?“

Und so kamen wir auch mit diesen zwei Männern ins Gespräch. Sie erkundigten sich, ob dies mein Reisebegleiter und Beschützer sei und für was ich ihn brauche. Da mir die Männer sehr unangenehm waren wandte ich mich kurz darauf von ihnen ab und tat, als ob ich CD hören würde. Natürlich ließ ich die Musik aus, die Ohrstöpsel waren nur Tarnung. So konnte ich live mitverfolgen, welch seltsame Unterhaltung sie führten. Da ich nicht mit ihnen reden wollte, fingen sie an mit Leon zu reden. Sie fragten ihn nach seinem Namen und wollten wissen, ob er denn einverstanden wäre, wenn ich Leon gegen die beiden austausche und sie für die Demo der Massagen nehmen kann. Sie fragten Leon, was er denn so besonderes kann, dass er für mich so wichtig ist. Da Leon nur so stumm da saß rief der eine  der beiden Männer ihm zu: „Du lachst halt immer, hast ein schönes Leben“!

Ganz konzentriert saß ich da, mein Blick aus dem Fenster und im höchsten Maße bemüht nicht sofort laut loszubrüllen vor lachen. Da saßen nun 2 angeberische, erwachsene Männer und unterhielten sich mit einer Puppe. Was für ein Spaß. Eine Frau kommt den Gang entlang, lächelt, streicht Leon übers Haar und geht weiter.

Nach einiger Zeit verließen wir den Zug, denn in Weimar mussten wir umsteigen. Als Leon wie immer neben mir auf einer Bank saß, gesellte sich eine Dame zu uns. Ein kurzer Blick auf Leon und………..? Na was wohl, sie fing, wie alle andern ein Gespräch mit mir an. Zum was weiß ich wievielten Mal an diesem Tag erzählte ich von der dgbm und von Berührung mit Respekt. Ich hatte langsam das Gefühl, dass ganz Chemnitz und Umgebung nun das Wort dgbm gehört haben muss. J

Nach einer langen Nachtfahrt kamen wir nun endlich in Karlsruhe am Hbf an. Erschöpft stellte ich mich in den Raucherbereich und lehnte Leon an mich an. Da standen wir nun, ganz alleine, morgens um 5.30 Uhr. GÄHN!!!

Ein Bahnangestellter sah uns und  fragte, ob er uns helfen kann, ob wir nicht wüssten, wo wir hinmüssen. Er konnte nicht erkennen, dass Leon eine Puppe war und wollte uns einladen mit zur Bahnhofmission zu kommen, dort könnten wir uns ausruhen und auf unsere Straßenbahn warten. Ich lehnte dankend ab und musste einfach lachen.

ENDLICH, die Bahn kam um 06.40 Uhr und ruck zuck waren wir daheim. Leon und ich waren die einzigen Fahrgäste und hatten wir die wenigen Minuten keine neugierigen Blicke, die an uns haften blieben.

Die ungewöhnliche Reise ist zu Ende, wir sind gut angekommen und ich freue mich ganz besonders auf die nächste Reise, die ich mit Leon genießen darf.

 

                                                                 

 

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